Apple-Alarm bei Bild.de: Der Faktencheck und die Analyse der Medienhysterie

4.3.2013 von
 

Bild.de vs. Apple

Es läuft nicht rund bei Apple: Erst das Maps-Debakel, dann stagnierende Quartalsergebnisse, zuletzt unsouveräne Auftritte von Konzernchef Tim Cook vor Investoren – die letzten Monate verliefen für den erfolgsverwöhnten iPhone-Konzern ungewohnt holprig. An der Börse herrscht unterdessen totale Weltuntergangsstimmung: Apple ist aktuell die billigste und schlechteste Techaktie der Welt, was nun auch Mainstream-Medien auffällt. Es gibt gute Gründe, die Börsen- und Medienhysterie anzuzweifeln.


Land unter in Cupertino: So sieht es dieser Tage aus, wenn man an die Wall Street blickt. Kaum ein Tag vergeht, an dem Apple nicht unter den Hammer kommt. An 13 der vergangenen 15 Handelstage hat die Apple-Aktie verloren. Die Ausmaße des Ausverkaufs sind inzwischen atemberaubend: In den ersten zwei Monaten des Börsenjahres 2013 sind die Anteilsscheine von Apple um bemerkenswerte 19 Prozent an Wert eingebrochen – und das in einem Marktumfeld, in dem neue Allzeithochs nur so an der Tagesordnung sind.

Der Dow Jones notiert nur noch wenige Punkte unter seinem 2007er-Hoch, und auch der Dax ist nur noch wenige Prozent von seinen bisherigen Höchstständen vor fünfeinhalb Jahren entfernt. Google? Markiert in diesen Tagen bei über 800 Dollar standesgemäß auf neuen Hochs, genauso wie Amazon. Alles schießt nach oben, es scheint die beste aller Börsenwelten zu sein.

Alles? Alles, bis auf Apple. Der mit Ach und Krach noch wertvollste Konzern der Welt – tatsächlich ist der Vorsprung vor Exxon auf ganze zwei Milliarden Dollar zusammengeschmolzen – notiert in diesen Tagen saftige 40 Prozent unter den Hochs, die erst im vergangenen Jahr aufgestellt wurden. Die Wertvernichtung hat historische Ausmaße angenommen: Innerhalb von nur rund fünf Monaten hat Apple 260 Milliarden Dollar Börsenwert eingebüßt – es ist neben Microsofts Crash im Frühjahr 2000 der größte Absturz in der Börsengeschichte.

Apple-Bashing von Bild.de: Aneinanderreihung von verkürzter Panikmache

Keine Überraschung also, dass auch selbst die Mainstream-Medien auf Apples Absturz aufmerksam werden. Nach zwei ermüdend langen Monaten vermeldete nun auch BILD.de am Samstagabend schließlich die scheinbare Neuigkeit. “Neuheiten, Aktienkurse, Gewinne – Apple-Fans glauben, sie wüssten alles über ihre Ikone – mitnichten!” Achtung, Alarm: “2013 scheint für das Unternehmen aus Cupertino ein schwarzes Jahr zu werden”, orakelte die Online-Ausgabe der größten deutschen Tageszeitung.  Nachdem, was zuvor an der Börse passierte, eine erstaunlich späte Bemerkung.

Das Bashing von Bild.de liest sich wie eine Aneinanderreihung von verkürzter Panikmache, die es gut mit dem Markencheck der ARD aufnehmen könnte – nur eben diesmal aus Börsensicht. Bild.de referiert über den aktuellen “Börsen-Hass”, Tim Cooks “schwieriges Verhältnis zur Wall Street”, mutmaßt darüber, dass Kapital, das aus Apple abgeflossen ist, in Google-Papiere investiert worden wäre und führt am Ende noch vermeintliche Image-Probleme aus Rohstoff-Konflikten in Afrika (“Zinn … oft gehandelt von Schmugglern, abgebaut unter unmenschlichen Bedingungen”) und daraus resultierender Arbeiterausbeutung an. “Apples dunkles Geheimnis”: Das ist ein ungenießbarer Cocktail aus Schnellschuss-Fakten, unbewiesenen Spekulationen und grotesken Argumentationsketten. Denn was haben die vermeintlichen Rohstoffschmuggler wirklich mit Apples Absturz an der Börse zu tun?

Apple startete mit dem viertbesten Quartal der Wirtschaftsgeschichte in 2013

Fakt ist, dass Apple in 2013 weitaus weniger spektakulär startete als noch in 2012: Nur auf den letzten Metern konnten die Rekordergebnisse des Vorjahres nochmals überboten werden – um gerade mal 12 Millionen Dollar auf den aber immer noch höchst bemerkenswerten Rekordgewinn von 13,078 Milliarden.

In anderen Worten: Apple hat damit zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember 2012 pro Woche eine Milliarde Dollar verdient. ”Google, Amazon, sogar Blackberry verkaufen sich dagegen so gut wie selten…”, hatte Bild.de den Apple-Absturz erklärt. Der Umkehrschluss der Berliner Boulevard-Journalisten muss ins Reich der Fabel verwiesen werden: Bei Amazon blieben im Weihnachtsquartal gerade 97 Millionen Dollar hängen.

Google hat weniger in einem Quartal verdient als Apple in drei Wochen. Tatsächlich hat Apple hat im Weihnachtsquartal mehr verdient als die drei nächstgrößten Schwergewichte der Techbranche – Google, Microsoft und IBM – zusammen. Es war das viertbeste Konzernergebnis der Wirtschaftsgeschichte, aber die nimmersatte Wall Street hatte eben mehr erwartet.

Grund für die Wall Street-Skepsis: Geht Apples Wachstumsstory zu Ende?

Hier fangen Apples eigentliche Probleme an: Das Wachstum des iPhone-Herstellers droht zu Ende zu gehen. Konnte im Weihnachtsquartal das Vorjahresniveau gerade gehalten werden, weil die Umsätze um 8 Milliarden Dollar höher ausfielen, legt Apples eigener Ausblick nahe, dass die beeindruckende Wachstumsserie nach 9 Jahren im laufenden Quartal zu Ende geht: Die Gewinne des Kultkonzerns aus Cupertino dürften im März-Quartal zweistellig zurückgehen. Das, verbunden mit den erodierenden Gewinnmargen, ist der eigentliche Grund für den Börsen-Blues: Die Wall Street sorgt sich, ob Apple in Zukunft noch weiter wachsen kann.

Die Antwort wird aktuell in eklatanter Form auf dem Börsenparkett formuliert: Anleger senken den Daumen – sie halten den Zenit für überschritten. Die Apple-Aktie performt deshalb seit Monaten wie ein griechischer Immobilienfinanzierer kurz vor der Pleite. Mit einem Minus von 19 Prozent seit Jahresanfang ist Apple 2013  die schlechteste Aktie im Technologieindex Nasdaq 100. Tatsächlich gibt es kein milliardenschweres Unternehmen in den USA, das in den vergangenen fünf Monaten schlechter performte als Apple.

Apples Börsenblues: Die schlechteste und billigste Aktie der Welt

Doch das ist noch nicht alles: Apple ist gegenwärtig nicht nur die schlechteste Aktie der Welt – sondern auch die billigste! Das maßgebliche Kurs-Gewinn-Verhältnis ist nach dem Absturz am Freitag auf 430 Dollar erstmals seit den späten 90er-Jahren wieder unter die Marke von 10 gefallen. Historisch tendiert der marktbreite S&P 500-Index mit einem Wert von 15 ohnehin schon 50 Prozent höher.

Aber das ist noch nicht alles: Tatsächlich ist die Apple-Aktie noch viel billiger. Die größten Bargeldreserven, die in der Wirtschaftsgeschichte jemals angehäuft wurden, sind noch nicht herausgerechnet. Über 137 Milliarden Dollar befinden sich in den Geldspeichern von Cupertino. Das entspricht per 31. Dezember vergangenen Jahres 145 Dollar je Aktie, die bei einer Ausschüttung an Aktionäre vom gegenwärtigen Kursniveau abgezogen werden würde. Das ist der Grund, warum Hedgefondsmanager David Einhorn so vehement für einen sinnvolleren Einsatz der Barmittel kämpft.

Ergo: Apples Unternehmenswert wird in Wirklichkeit nur noch bei 285 Dollar je Aktie abgebildet. Das KGV reduziert sich damit auf einen höchst depressiven Wert von 6,45. So billig wird aktuell nicht nur kein anderes größeres Technologie-Unternehmen gehandelt – nicht mal in die Jahre gekommene Schwergewichte wie Dell, Intel oder Microsoft, für die Anleger weitaus höhere Multiplen bewilligen –, sondern überhaut kein anderer Großkonzern im S&P 500 oder Dax, MDax oder EuroStoxx.

Bild.de-Story als dankbarer Titelseiten-Indikator

In anderen Worten: Der Markt ist gegenüber Apple so extrem skeptisch, dass ein Worstcase-Szenario von vielen Quartalen des stetigen Gewinnrückgangs zum Großteil bereits von der Börse eingepreist scheint. Mögliche Positivüberraschungen – ein neues iPhone-Modell im Juni, ein Vertriebsdeal mit China Mobile, der über Nacht für zweistelliges Umsatzwachstum sorgen würden oder eine ganz neue Produktkategorie wie iTV oder eine iWatch – ignoriert die Wall Street aktuell genauso wie Mainstreammedien wie Bild.de.

Die aktuelle Stimmung gegenüber Apple scheint in diesen Tagen einen negativen Höhepunkt wie seit der schwersten Krise in1996 nicht mehr erreicht zu haben. Für Anleger ist das nicht die schlechteste Nachricht, gibt es doch die ungeschriebene Regel des Titelseiten-Indikators: Haben auch die trägsten Boulevard-Medien den Absturz mitbekommen, ist das Schlimmste meist eingepreist.




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