Ein Tag auf der IFA 2012 – zwischen OLED und Entsaftern

2.9.2012 von
 

Unser Autor ging auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) seine eigenen Wege und schildert Geschichten und Beobachtungen am Rande, Begegnungen mit Technik, Volksmusikgrößen und Sesamstraßen-Bewohnern. Vorbei an Besonderheiten und Kuriosem. Ein Tag wie ihn so – oder völlig anders – noch jeder bis zum 5. September in Berlin erleben kann.


“Ich hab mich ja hier nicht umsonst hingestellt”, versichert mir augenzwinkernd der Leierkastenmann, der unweit des Messegeländes mit seiner “Unterhaltungselektronik” die Besucher der IFA abzufangen versucht. Ob es ein gutes Geschäft wird, weiß er ebenso wenig wie die 1439 Aussteller der diesjährigen Funkausstellung. Doch manchem Aussteller konnte man schon am zweiten Publikumstag ansehen, dass man sich alles etwas anders vorgestellt hatte. “Ich hab mich hier ja nicht umsonst hingestellt”, werden einige gedacht haben.

Da sollten die mal was machen

Ich streife ziellos, planlos durch die Hallen. In den ersten beiden Stunden nach Einlassbeginn ist es noch angenehm ruhig für Messeverhältnisse. Allerdings nicht bei Samsung und LG. Die OLED-Technologie ist der Publikumsmagnet. Man muss davor gestanden haben! Brillantes Fernsehen! “Jetzt müsste nur noch das Programm brillant werden” flüstere ich fast andächtig einem Rentnerpärchen zu, das sich direkt neben mir postiert hat und gar nicht mehr wegsehen kann. Er lacht, sie versucht unterdessen, die Brillanz mit ihrer uralten Kamera einzufangen.

Fernseher faszinieren noch immer, auch wenn seit Beginn des Fernsehens das Programm immer schlechter zu werden scheint. Dennoch möchte es kaum jemand missen. Wenn es schlecht ist, soll es wenigstens gestochen scharf schlecht sein. Das macht es erträglicher. Außerdem gibt es ja DVDs. Noch! Und das Internet kommt schließlich auch ins TV. Als bei Samsungs OLED-Apparaten die Bilder wechseln, spiegeln wir uns in den Geräten. Das trübt etwas meine Begeisterung. Wem hin und wieder die Sonne in die Wohnung scheint, der versteht warum. Da sollten die wirklich mal was machen, denke ich und ziehe weiter.

Viele Aussteller setzen auf Interaktion und Show, um Menschentrauben zu erzeugen. Wer das nicht tut, braucht wenigstens was zum Klicken, Aufsetzen, Touchen, sonst wird’s schwer. Eiskalt ziehen die Scharen dann vorüber. In der Panasonic “Cooking Area” geht es hingegen heiß her. Und “ruckzuck”, lobt die Moderatorin. Ein Koch gibt Gemüse in einen Topf und Infrarotsensoren im Herd merken das, was zu automatischer Temperaturregulierung führt. Gebrauchen kann das jeder. Nur wollen muss man es.

Das Salamipizza-Sechstel zu 3,80 Euro, das ich mir in einer der zahlreichen Verzehroasen schmecken ließ, wurde noch herkömmlich zubereitet. In der nächsten Halle bricht direkt vor mir ein Kind aus purer Unlust zusammen – kurz vor dem Aufprall vom Vater rasch am  Arm hochgerissen. Kurz darauf weist eine Mutter ihre etwa fünfjährige Tochter zurecht: “Nicht alles anfassen!” Wie soll man das einem Kind auf einer Messe erklären, wo alles probiert und befingert wird? Dell etwa lädt zum freien Skypen, Youtuben und Twittern ein. Wie auf einer kleinen Alm sieht es dort aus – mit Kunstrasen. Gleich gegenüber hat Microsoft eine Spielhölle errichtet und Teenies, vor allem Jungs, daddeln hier von früh bis spät, wahrscheinlich immer dieselben. IFA heißt auch, Stehvermögen und Sitzfleisch zu beweisen.

Ich geh hier nie mehr weg!

Meister dieser Disziplinen trifft man in Halle 2.2, wo sogar die Proben zum “ARD-Buffet” bestens besucht sind. Einige der vorwiegend älteren Zuschauer wirken wie festgesessen und es umgibt sie eine Aura von “Ich geh hier nie mehr weg!” Aufmerksam wird bestaunt wie Udo Walz probeweise Frisurtipps gibt. Dann kommt Hansi Hinterseer und bewegt den Mund zu einem Playback. Das Publikum ist probeweise außer sich. Moderatorin und Star-Coiffeur tanzen wie hundertmal geprobt. Der andere Star (Hansi Hinterseer) drückt während des Mundbewegens auf Anweisung einige Hände, zeigt sich volksnah, muss danach aber gleich weg.

Andere haben es nicht so eilig. Als ich drei Stunden später noch einmal vorbeikomme, erkenne ich manche Zuschauer wieder. Selber Stuhl, selbe Reihe. Ernie und Bert aus der “Sesamstraße” drehen derweil unermüdlich ihre Runden. Bert überragt mich. Wir gehen ein Stück, dann wird er von wildfremden Kindern entführt.

Auf meiner Abschlussrunde gerate ich unter die Entsafter. Der “Slow Juicer” stimmt mich nachdenklich: “Um einen Apfel zu verdauen, braucht der Körper zwei bis drei Stunden. Wenn man ihn zerkleinert, verkürzt sich die Zeit um 15 Minuten.” Mit der Frage, ob er nicht “auf 15 Minuten” meinte, durchschreite ich den Wasserdampf einer Firma, die stylische Luftbefeuchter herstellt. Sicher gesund und entspannend, aber dieser Nebel!

Nach fünf Stunden reicht es! Überall Plasma, Ultra, HD. Längst nicht alles gesehen. Meine Taschen sind leer. Die  Aussteller halten sich mit nützlichen Präsenten zurück, wer aber Tüten, Beutel, Prospekte braucht oder Teilnahmekarten für Gewinnspiele sammelt, kommt voll auf seine Kosten. Kurz vor dem Ausgang stürzt ein Jugendlicher an mir vorbei und auf den iSheep-Stand zu. Ob er denn eine der ausliegenden Mützen haben dürfe. Dürfe er nicht! Deko. Mützen und iSheep? Irgendein schlauer Kopf hat sich da sicher was gedacht und der Hüter der Deko-Mützen vielleicht: “Ich hab mich hier ja nicht umsonst hingestellt!”




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